Kunst aus Tirol: neuer Werkkatalog zeigt über 400 Figuren von Ottmar Zeiller
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WissenAmFreitag #120 – 04/04/2025 | | | | | |
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Die Figürchen von Ottmar Zeiller zeigen Personen, Tiere und Fantasiewesen in Miniatur-Ausführung. (Foto: Universität Innsbruck)
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Liebe Leserinnen und Leser,
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Ottmar Zeiller hatte eine besondere Gabe: Er konnte winzigste Details schnitzen und hat mit unglaublicher Passion eine ganze Schar von faszinierenden Miniatur-Figuren erschaffen. Der Großteil von ihnen ist aus Holz und nicht größer als 1,5 bis 3 cm. Millimeterkleine Arme und Beine, Gesichter oder Hüte, Musikinstrumente – aber auch Hundeschnauzen oder Kuh-Hörner hat er aus Ästen oder Scheiten herausgearbeitet. Sein Œuvre ist groß, was in vollem Umfang aber noch gar nicht bekannt war.
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| Annette Steinsiek vom Brenner-Archiv (Universität Innsbruck) hat in den vergangenen Jahren viele seiner kleinen (und größeren) Werke aufgespürt und in einem Online-Werkkatalog erstmals zusammengeführt, allgemein verfügbar und vor allem suchbar, findbar und betrachtbar gemacht. Und ich durfte ein bisschen Teil davon sein. | | | |
| STÖBERN: Klicken Sie sich selbst durch den digitalen Werkkatalog und bewundern Sie die filigrane Schnitzarbeit von Ottmar Zeiller. | | | | |
Ein Tiroler in Preußen
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Doch um wen geht es hier überhaupt, wer ist dieser Mann? Ottmar Zeiller lebte von 1868 bis 1921 und war ein in Tirol (heute Südtirol) geborener und in Innsbruck verstorbener Künstler. Obwohl er mit 26 in Innsbruck ein Medizinstudium abgeschlossen hatte, wurde er nicht Arzt. In Berlin wollte er ursprünglich sein Studium fortsetzen, hat dann aber als Handwerker gearbeitet (u. a. Stukkateur) und in München, Karlsruhe und (erneut) Berlin Grundsteine für seine Künstlerlaufbahn gelegt.
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| In Karlsruhe studierte er bei Ludwig Schmid-Reutte. In Berlin gründete er auch in Schmid-Reuttes Sinn eine Zeichenschule, begann aber auch seine Figuren zu schnitzen. Ab 1907 war er wieder in Tirol, heiratete und zog nach Hall. Zeiller hatte Kontakt zu Leuten wie Georg Trakl und Hubert Lanzinger, mit Arthur von Wallpach und Albin Egger-Lienz war er befreundet. 52-jährig ist er krankheitsbedingt 1921 verstorben. | | | |
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Unbekannte Schätzchen
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Das Brenner-Archiv beherbergt einige Figuren und Dokumente des Künstlers. 1995 waren etwa 300 seiner Werke bekannt, rund 25 in einem Ausstellungskatalog abgebildet. Annette Steinsiek hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Werke zusammenzuführen und auch mehr über sie zu erfahren. Es geht um die zeit- und kunstgeschichtliche Einordnung, um Informationen zu Zeiller als Person, seinem Denken und Leben. Figur ID103 zum Beispiel (3 Zentimeter groß, nicht gut erhalten):
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Ein Mann mit Mantel, der mit einer Hand das Gesicht schützt und mit der anderen den Hut festhält, kämpft sich offenbar vorwärts durch einen Sturm. Diese Figur war im Besitz von Josef Anton Steurer, der sie in seinem Nachruf1 auf Zeiller erwähnt und den Künstler selbst zitiert: „Dieser Sturm, sagt Zeiller, ist das Leben, sind dessen Widerwärtigkeiten, ist unser Gehen über diese unvollkommenste aller Welten. Nicht lange währt er, dann gehen wir ein in die Ruhe, in den Frieden, sind wir daheim.“ Was dachte der Künstler bei anderen Werken?
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| Durch findige Suchmethoden ist es Annette Steinsiek gelungen, an viele der bereits bekannten und dokumentierten Figuren ranzukommen und – was überraschend war – noch hundert weitere, bislang undokumentierte Figuren ausfindig zu machen. | | | |
Genaue Beschreibung und fotografische Rundum-Ansicht
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Da ich mit Annette Steinsiek bereits in den Jahren zuvor in verschiedenen anderen Projekten zu tun hatte, wurde ich 2021 gefragt, ob ich auch hier mitarbeiten möchte. So kam es, dass ich fast jede der 400 im Katalog verewigten Figuren Zeillers wörtlich zu Gesicht bekam. Denn es wurde, mit Hilfe von Foto-Zelt, Drehteller und Makroobjektiv, jede der Miniaturen in 16 Rotationsschritten (mehrfach) abgelichtet. Das war äußerst spannend, aber: wenn nach Stunde sieben so ein krummes Ding (z. B. ID230) einfach nicht mittig auf dem Teller stehen wollte (sofern es überhaupt eigenständig stehen konnte) und beim Drehen um die eigene Achse furchtbar herumgeeiert ist, dann kann die Begeisterung schon mal kurzfristig schwinden.
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| Gut, dass es auch größere Figuren gibt und welche aus Bronze (z. B. ID098), die gut stehen. Jedenfalls haben wir bei zahlreichen Hausbesuchen in Nord- und Südtirol und etlichen Terminen in den Räumlichkeiten des Brenner-Archivs ziemlich viel Zeit verbracht – Annette Steinsiek hat vermessen und dokumentiert und ich parallel fotografiert. Dabei haben wir auch viele tolle Menschen kennengelernt: die „Besitzer:innen“ der Figuren, darunter Privatleute, Galerist:innen und Mitarbeiter:innen der Tiroler Landesmuseen. | | | |
Ottmar Zeiller. Digitaler Werkkatalog Kleinplastik
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Ulrich Lobis und Joseph Wang-Kathrein haben das Projekt2 technisch unterstützt, Eva Nairz und Marina Blum haben als wissenschaftliche Hilfskräfte Recherchen, Anfragen oder Beschreibungen erledigt. Alle haben sie viel Zeit und Energie hineingesteckt, um das gemeinsame Ziel zu erreichen: Zeillers gesammelte (Figuren-)Werke digital für alle Interessierten sichtbar zu machen. Und wer weiß: Vielleicht tauchen ja noch weitere Figuren auf?
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Abschließend darf ich meiner lieben Freundin Annette Steinsiek (die das trotz meiner flatternden Nerven wegen herumeiernder Schnitzfiguren geworden bzw. geblieben ist) dazu gratulieren, den Werkkatalog nach jahrelanger Arbeit vergangenen Mittwoch feierlich eröffnet und vorgestellt zu haben.
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Ihnen viel Spaß beim Anschauen und Stöbern! Schönes Wochenende!
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Udo Haefeker, Kommunikationsteam der Universität Innsbruck
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1 „Bildhauer Ottomar Zeiller. Versuch einer Würdigung des Menschen und Künstlers“, in: Innsbrucker Nachrichten, 15.06.1921, S. 4
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2 Gefördert von: Universität Innsbruck - Büro des Vizerektors für Forschung: Bahr-Stipendium; Land Tirol: Förderprogramm COVID-19 / Kunst und Kultur 2022; BMKÖS finanziert von der Europäischen Union („Next Generation EU“): Förderprogramm „Kulturerbe digital“ 2023/2024
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VERANSTALTUNGEN
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HINGEHEN: „Die Macht des Zuhörens“ – Lesung und Gespräch
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Mittwoch, 09.04.2025
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19:00 Uhr
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Stadtbibliothek Innsbruck
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Die Autorin Kathrin Röggla liest aus ihrer Neuerscheinung und diskutiert anschließend mit der Philosophin Marie-Luisa Frick, wie wir in polarisierten Zeiten einander wieder besser zuhören können.
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| Eine gemeinsame Veranstaltung von Literaturhaus am Inn, Osterfestival Tirol, Stadtbibliothek Innsbruck und Wissenschaft und Verantwortlichkeit. | | | |
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CAMPUSLUFT SCHNUPPERN: Führung durch die Uni
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Donnerstag, 10.04.2025
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15:00 - 16:30 Uhr
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vor dem Universitätshauptgebäude, Christoph-Probst-Platz, Innrain 52, 6020 Innsbruck
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| Der Campus Innrain kann im Rahmen einer öffentlichen Führung entdeckt werden. Besucher:innen erfahren Spannendes und Nützliches: von der Geschichte der Universität bis zu den Studienmöglichkeiten. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. | | | |
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WEITERBILDEN: Desinformation auf der Spur – Online-Schulung
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Freitag, 11.04.2025
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10:15 - 11:45 Uhr
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Online, https://webconference.uibk.ac.at/rooms/ant-wtx-9fj
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| Fakes und Falschmeldungen kommen in vielen Formen und Facetten. Sie sind jedoch nicht undurchschaubar. In diesem Kurs wird ein grundlegendes Bewusstsein zum Themenfeld der Desinformation geschaffen. Es werden Merkmale, Erscheinungsformen und Verbreitungsmechanismen aufgezeigt sowie Strategien zum Erkennen von Desinformation anhand eines praktischen Beispiels vorgestellt. | | | |
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